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In einem anstrengenden Kraftakt soll in den nächsten vier Jahren der größten zusammenhängenden Altstadtruine Pirnas neues Leben eingehaucht werden
Ungeklärte Eigentumsverhältnisse, überschuldete Grundstücke fehlende Investoren – das so genannte Quartier 1 an der Langen Straße zwischen Töpfergasse und Niederer Burgstraße verrottet von Jahr zu Jahr mehr. Nun soll Pirnas letzte große Altstadtruine zu neuem Leben erweckt werden.
Von Thomas Möckel
Die Hausecke hängt nur noch am „seidenen“ Faden: Lediglich ein daumenstarkes Stahlseil bewahrt die Außenwand des Eckgebäudes Lange Straße/Niedere Burgstraße davor, dass das mürbe Mauerwerk nach unten stürzt. Notsicherer fädelten das metallene Tau durch leere Fensterhöhlen und Türrahmen. An einer Seite verschraubten sie das Seil mit einem in der Wand verankerten Stahlhaken.
Fachleute halten diese Konstruktion für nicht gerade sicher: „Eigentlich müsste die Stadt die Straße sperren, weil es passieren kann, dass Trümmer nach unten prasseln“, sagt ein Gutachter. Dabei fährt er mit seiner Hand prüfend über eine Mauer, bis das Greiforgan komplett in einem Riss verschwindet: Die Außenwände im ersten Obergeschoss haben keinen Verbund mehr nach innen, sie drohen auf die Straße zu stürzen.
Dieser Zustand zeugt von einer umfassenden Misere: Erst die ungeklärten Eigentumsverhältnisse nach der Wende, dann die überschuldeten Grundstücke sowie Regen und Wind ließen aus dem so genannten Quartier 1, zu dem die Häuser Lange Straße 30 – 34, Töpfergasse 1 und Niedere Burgstraße 3 gehören, zu einem Trümmerhaufen werden. Über zehn Jahre stand der Bau schutzlos in der Witterung.
Nun soll der Dauerkoma-Patient in einem anstrengenden Kraftakt wieder zu neuem Leben erweckt werden. In den nächsten drei bis vier Jahren, verlautet aus der Stadtverwaltung, wollen Handwerker Pirnas größter zusammenhängender Altstadtruine zu altem Glanz verhelfen. Der Aufwand dafür ist immens: Fachleute ermittelten einen Restaurierungsbedarf von rund 17 Millionen Euro – Überraschungen noch nicht einkalkuliert.
Pirnas oberstem Stadtsanierer Georg Schmitt sitzt deswegen die Zeit im Nacken. Nur noch bis 2010 fließen Fördermittel für derartige Projekte, dann läuft das Zuschuss-Programm „Städtebauförderung“ aus. Versiegt diese Finanzquelle uns ist bis dahin noch kein Handschlag am Quartier 1 gemacht, dürfte das Gebäude-Ensemble endgültig dem Tod geweiht sein.
Schon jetzt bietet das historische Gemäuer ein Bild des Jammers: Die Fassaden zeigen sich in einem verwaschenen Einheitsgrau, Dachziegel wichen im Laufe der Zeit dünnen Wellblechtafeln. Weil den zum Teil komplett entkernten Häusern der innere Halt fehlt, wuchs der Druck auf die Außenmauer derart stark, dass sich die Wände ähnlich einem aufgeblähten Ballon nach außen wölben. Einzig oberschenkdicke Eisenanker halten die labile Hülle noch zusammen. Aus den Dachrinnenresten sprießen Bäume, im Innenhof wuchert Moos.
Pirnas Baubürgermeister Eckhard Lang (CDU) ist zuversichtlich, dass sich dieser Zustand bald ändert. „Die vorbereitenden Arbeiten sind abgeschlossen, die Eigentumsverhältnisse sind geklärt“, verkündete er kürzlich vor dem Stadtrat. Stadtsanierer Schmitt schlug bei dieser Nachricht gleich militärische Töne an: „Damit haben wir nun den Marschbefehl. Jetzt brauchen wir noch die Munition in Form von Investitionen“, gab er zu Protokoll. Offenbar hat die Stadt aber bereits einen Interessenten für das historische Gemäuer gefunden. Es gebe schon einen Nutzer, formulierte Lang nebulös. Näheres will er erst bekannt geben, wenn das Projekt sämtliche Ausschüsse passiert hat.
Existiert tatsächlich ein Betreiber für den Gebäudekomplex, dürfte es jetzt gelingen, was seit rund zehn Jahren versagt blieb: Bereits 1994 beschloss das Kommunalparlament der Kreisstadt die „zügige Sanierung vom Quartier 1“. Die Zeit drängt, soll bedrohlich erkrankte Patient tatsächlich überleben- denn auch im Innern bröckelt und verfällt die marode Substanz.
In den Zwischendecken klaffen riesige Löcher, Strohgeflecht hängt in Fetzen von der Decke. Große Balken und Eisenstreben stützen die Mauern, Putz und Farbe blättern von den Wänden, durch Fugen und Risse im Treppenhaus rieselt der Staub, in den Aufgängen liegen Ziegeltrümmer. Soll das Unternehmen „Sanierung“ gelingen, müssen sich die Fachleute behutsam von unten nach oben vorarbeiten: Zuerst Gelände beräumen, Ruinenreste sichern, Gebäude entkernen. Erst dann können sie damit beginnen, das Ensemble zu rekonstruieren.
Der logistische Aufwand, schätzen Experten, dürfte dabei riesig sein – Sattelschlepper mit meterlangen Trägern passen nicht in die Lange Straße. Mehrerer Kräne müssen daher schweres Baumaterial voraussichtlich über Teile der Pirnaer Altstadt hieven.